Der letzte Tropfen

Eine Geschichte aus Illmitz

22.9.2026 

Eine Geschichte aus Illmitz

Der Abend war ungewöhnlich still.

Über den Weingärten von Illmitz lag ein warmer Septembernebel, und irgendwo hinter den Häusern rief ein Käuzchen. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden langsam hinter den Rebstöcken, während im Garten der Pension die ersten Lichter angingen.

Es war einer dieser Abende, an denen man das Gefühl bekommt, dass die Zeit für einen Moment stehen bleibt. Herr Berger saß allein auf einer Bank vor dem Haus. Vor ihm stand ein Glas Rotwein. Er hatte den Wein nicht bestellt. Eigentlich hatte er überhaupt nicht vorgehabt, heute Abend noch etwas zu trinken. Er war nur spazieren gegangen und hatte auf dem Rückweg etwas im Gras glitzern sehen. Eine alte Weinflasche. Sie lag halb unter einem Busch, mit Erde bedeckt und so voller Staub, dass man kaum erkennen konnte, was auf dem Etikett stand. Er hatte sie aufgehoben und als er den Staub mit seinem Ärmel wegwischte, blieb er plötzlich stehen. Auf dem Etikett stand ein Name: Opitz.

Darunter eine Jahreszahl: 1987.

Mehr war nicht zu erkennen. Er hatte die Flasche mitgenommen und sie beim Abendessen geöffnet. Der Wein roch erstaunlich gut. Er schenkte sich ein Glas ein.

Und genau in diesem Moment fiel ihm etwas auf.

Am Boden der Flasche steckte ein zusammengerolltes Stück Papier. Er zog es vorsichtig heraus. Das Papier war vergilbt und an den Rändern brüchig. Darauf standen nur wenige Worte:

„Wenn du diesen Wein gefunden hast, dann hast du auch den Ort gefunden. Suche dort, wo die Reben den ersten Schatten werfen. Aber vertraue nicht jedem, der dir den Weg zeigt.“

Darunter war ein Datum: 6. November 1987.

Herr Berger las den Satz ein zweites Mal. Dann ein drittes Mal. Der 6. November. Martiniloben. Er blickte hinaus in den Garten.

Am nächsten Morgen wollte er eigentlich abreisen. Doch plötzlich wusste er, dass er das nicht tun würde. Er stellte das Glas ab und nahm die Flasche noch einmal in die Hand. Da bemerkte er etwas, das ihm vorher nicht aufgefallen war. Am Flaschenboden war ein kleines Zeichen eingeritzt. Ein Kreis. Darüber drei kleine Sterne. Und darunter ein Pfeil. Der Pfeil zeigte direkt in Richtung Weingärten. Herr Berger stand auf.

Er wusste nicht, warum. Vielleicht war es die Neugier. Vielleicht der Wein. Vielleicht aber auch das Gefühl, dass diese Geschichte schon lange vor seiner Ankunft begonnen hatte. Er ging ein paar Schritte in Richtung Garten. Dann blieb er stehen. Denn hinter dem alten Baum bewegte sich etwas. Eine Gestalt? Nur für einen kurzen Augenblick. Dann war sie verschwunden. Herr Berger ging näher. Im Gras lag etwas. Ein alter Schlüssel!

Und daran hing ein kleiner Zettel. Darauf stand nur: „Du hast bis Mitternacht Zeit.“

NÄCHSTER BEITRAG, 26.9.2026

Herr Berger hatte nur die Anhaltspunkte "Wein" - "Opitz" - "Schlüssel" - und "wenig Zeit". 

Er machte sich auf den Weg zum Weingut Opitz - der Schlüssel passte genau zum Weinkeller. Er öffnete die Tür und sah mit Erstaunen die vielen Weinflaschen mit den Gesichtern verschiedener Berühmtheiten. Daneben standen die Flaschen mit Namen von Vöglen wie Rotschenkel, Kiebitz, Gänsemarsch...

"Berühmt bin ich nicht", dachte Herr Berger, "aber was wäre, wenn Herr Opitz mir einen Wein widmen würde?" Vögel mit "Berg-" gibt es viele: Bergfinte, Bergente, Bergpieper, ... . UND ein "Vogel" wäre ich!

In dem Moment kommt Herr Opitz in der Weinkeller und sieht die alte Weinflasche vo 1987 in Herrn Bergers Hand.

NÄCHSTER BEITRAG, 01.10.2026

Der alte Weinbauer erstarrte. Seine Gedanken machten eine Expressreise in die Vergangenheit - 1987??? Wie kam diese Flasche in die Hände des Gastes - und wie kam der Gast hierher?

Und warum versetzte ihm dieses Datum in solch eine innere Unruhe?

Der Gast schien sich ertappt zu fühlen und zu einer Rechtfertigung genötigt, während Weinbauer Opitz immer noch auf die Jahreszahl starrte und versuchte, sein außer Kontrolle geratenes Inneres zu beherrschen.

"Entschuldigen Sie, dass ich hier einfach in ihrem Weinkeller stehe... Berger mein Name..." hörte der Weinbauer den Fremden sagen, den er aber irgendwo schon einmal gesehen haben musste - seine Züge kamen ihm bekannt vor... fast vertraut. Immer noch unfähig selbst etwas zu sagen hörte er, wie Herr Berger fortfuhr: "Ich wollte eigentlich abreisen, aber diese Flasche Wein, ein Zettel und dieser Schlüssel zu Ihrem Weinkeller scheinen mir eine Brücke bauen zu wollen in meine Vergangenheit, die womöglich mit Ihrer verbunden ist."

Weinbauer Opitz erwachte langsam aus seiner Starre. Er winkte den Gast Berger zu eine der Nischen und bat ihn, sich zu setzen. "Was bedeutet Ihnen der 6.11.1987?", fragte er seinen Gast ...

 NÄCHSTER BEITRAG, 01.10.2026

 

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