Das Fenster, das gestern noch nicht da war
Eine Geschichte aus Illmitz
22.9.2026
Eine Geschichte aus Illmitz
Als Clara am Sonntagmorgen aufwachte, wusste sie sofort, dass etwas anders war. Sie wusste nur nicht, was. Das Zimmer war dasselbe. Das Bett stand am selben Platz. Die Tasche lag neben dem Schrank. Auf dem Tisch stand noch das Glas Wasser, das sie am Abend dort abgestellt hatte. Und trotzdem … Etwas stimmte nicht.
Clara setzte sich auf. Dann sah sie es, neben dem Bett war ein Fenster! Es war klein mit weißem Holzrahmen. Clara starrte es an. „Das war gestern nicht da.“ Sie stand auf und ging näher. Draußen sah sie einen Garten, aber nicht den Garten der Pension. Dort standen alte Obstbäume, eine Bank und dahinter ein kleiner Weg, der zwischen hohen Gräsern verschwand.
Clara öffnete das Fenster und angenehm warme Luft strömte herein. Und mit ihr der Duft von Rosen. Sie sah sich um - Niemand. Dann entdeckte sie auf der Fensterbank einen Brief.
Auf dem Umschlag stand: Für Clara.
Sie öffnete ihn. „Wenn du dieses Fenster siehst, hast du genau 24 Stunden Zeit. Gehe den Weg entlang. Du wirst jemanden treffen, den du schon lange vergessen hast. Aber vergiss nicht: Nicht alles, was man wiederfindet, möchte auch gefunden werden.“
Clara las den Brief zweimal. Dann steckte sie ihn ein. Sie hätte das Fenster einfach schließen können. Sie hätte die Tür öffnen und zur Rezeption gehen können. Stattdessen stieg sie hinaus. Der Weg führte durch den Garten. Nach ungefähr hundert Metern hörte Clara Musik. Jemand spielte Akkordeon.
Sie ging weiter. Hinter einer großen Weide saß ein alter Mann auf einer Bank. Er sah sie an und lächelte. „Du bist spät.“ „Wir kennen uns?“ „Noch nicht.“ Er zeigte auf den Platz neben sich. „Setz dich.“ Clara setzte sich und der Mann nahm ein kleines Foto aus seiner Jackentasche.
Darauf war ein junges Mädchen zu sehen. Clara wurde blass. Denn das Mädchen sah aus wie sie. Nur war das Foto mindestens fünfzig Jahre alt. Auf der Rückseite stand:
„Bis wir uns wiedersehen.“
Clara wollte fragen, wer das Mädchen war. Doch der Mann war plötzlich verschwunden. Auf der Bank lag nur noch das Foto. Und ein kleiner silberner Schlüssel. Clara nahm ihn. In diesem Moment hörte sie hinter sich eine Tür zuschlagen. Sie drehte sich um. Das Fenster war verschwunden.
NÄCHSTER BEITRAG, xx.9.2026