Der Vogel, der nicht wegfliegen wollte
Eine Geschichte aus Illmitz
22.9.2026
Eine Geschichte aus Illmitz
Es begann an einem Morgen, an dem eigentlich alles ganz gewöhnlich war. Die Sonne schien über Illmitz, die ersten Gäste saßen beim Frühstück und irgendwo klapperte eine Tasse.
Da entdeckte ein kleines Mädchen auf der Terrasse einen Vogel. Er saß mitten auf dem Tisch. Ganz still. Ein kleiner, grauer Vogel mit einem ungewöhnlich hellen Fleck auf der Brust. Das Mädchen blieb stehen. „Hallo“, sagte sie. Der Vogel legte den Kopf schief. „Willst du nicht wegfliegen?“ Der Vogel rührte sich nicht. Das Mädchen ging näher. Er hatte keine Angst. Sie setzte sich auf den Stuhl gegenüber.
„Bist du vielleicht müde?“ Der Vogel hüpfte ein kleines Stück auf sie zu. Dann sah er sie an. Und plötzlich sagte er: „Ich warte.“ Das Mädchen sprang auf. „Du kannst sprechen!“ Der Vogel blinzelte. „Nur mit Menschen, die zuhören.“ Das Mädchen setzte sich sofort wieder. „Worauf wartest du?“
Der Vogel sah zum Garten. „Auf jemanden.“ „Auf wen?“ „Das weiß ich nicht.“ „Seit wann?“ Der Vogel dachte nach. „Seit sehr langer Zeit.“ Das Mädchen schaute sich um. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. „Kann ich dir helfen?“ Der Vogel hüpfte auf den Rand des Tisches. „Vielleicht.“ „Wie?“ Er sah zur alten Linde am Ende des Gartens.
„Unter dem Baum liegt etwas, das jemand vor vielen Jahren dort versteckt hat.“ Das Mädchen sprang auf. „Was?“
Doch der Vogel antwortete nicht. Er flog zur Linde. Dort landete er auf einem niedrigen Ast. Das Mädchen folgte ihm. Unter dem Baum war das Gras dicht und trocken. Sie begann zu suchen. Nichts. Dann stieß ihre Hand gegen etwas Hartes. Eine kleine Metallkiste. Sie war rostig und mit Erde bedeckt. Das Mädchen zog sie vorsichtig heraus. Auf dem Deckel stand ein Name:
„Für den, der mich findet.“
Sie öffnete die Kiste. Darin lag ein rotes Band, ein alter Knopf, eine getrocknete Blume, ein winziger Schlüssel und darunter ein Zettel. Das Papier war so alt, dass es beinahe zerfiel.
Auf dem Zettel stand: „Wenn du diese Kiste gefunden hast, dann weißt du jetzt, dass es Dinge gibt, die niemals wirklich verloren gehen. Bring den Schlüssel dorthin, wo das Wasser den Himmel berührt. Dort wartet die Antwort.“
Das Mädchen sah zum Vogel, doch der war verschwunden. Sie rannte zurück zur Terrasse. Nichts. Kein Vogel. Nur eine einzelne graue Feder lag auf dem Tisch. Das Mädchen nahm sie vorsichtig in die Hand. Und dann hörte sie hinter sich eine Stimme: „Du hast ihn also auch gesehen.“
Sie drehte sich um. Ein alter Mann stand am Gartentor.
Er lächelte.
„Dann hat er dich ausgewählt.“
NÄCHSTER BEITRAG, xx.9.2026