Der Wein, der nach Sommer schmeckte
Eine Geschichte aus Illmitz
22.9.2026
Eine Geschichte aus Illmitz
„Dieser Wein schmeckt nach Sommer.“ Anna sagte es beiläufig. Sie hatte nur einen kleinen Schluck genommen. Aber plötzlich erinnerte sie sich. An einen Sommer, den sie seit mehr als zwanzig Jahren vergessen hatte.
Sie sah wieder das alte Haus, den Garten, den Nussbaum - und einen Jungen mit roten Haaren, der immer behauptet hatte, er würde eines Tages Winzer werden.
Anna stellte das Glas ab. „Alles in Ordnung?“, fragte ihre Freundin. „Ja.“ Aber das stimmte nicht. Denn auf dem Etikett der Weinflasche stand ein Datum: 1999. Und darunter ein Name: Jakob. Anna kannte diesen Namen. Sehr gut sogar.
Am nächsten Morgen fragte sie nach der Flasche. Niemand wusste, woher sie gekommen war. Der Wein war nicht auf der aktuellen Karte. Die Flasche war auch nicht im Keller registriert. Anna ging hinaus in den Garten. Dort entdeckte sie unter einem Tisch einen kleinen Zettel. Darauf stand:
„Manche Menschen begegnen sich zweimal im Leben. Beim ersten Mal wissen sie nicht, warum. Beim zweiten Mal wissen sie es.“ Anna musste lächeln. Dann hörte sie eine Stimme hinter sich. „Du hast ihn also noch.“ Sie drehte sich um. Ein Mann stand am Gartentor. Rote Haare, ein bisschen älter als sie. Aber eindeutig derselbe Junge – es war Jakob. Anna sagte nichts. Er lächelte. „Ich habe mich gefragt, ob du dich erinnerst.“ Sie sah auf die Weinflasche. „An was?“
Jakob antwortete: „An den Sommer, in dem wir etwas im Garten versteckt haben.“ Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Was haben wir versteckt?“ Jakob lächelte nicht mehr.
„Das ist genau das Problem.“ Er griff in seine Tasche und holte einen alten Schlüssel heraus. Er legte ihn auf den Tisch.
„Ich habe damals versprochen, dass wir ihn erst wieder hervorholen, wenn wir alt genug sind.“
Anna sah den Schlüssel an.
„Und jetzt?“
Jakob sah zum Garten.
„Jetzt sind wir alt genug.“
NÄCHSTER BEITRAG, xx.9.2026