Der Mann, der jeden Morgen zu spät kam
Eine Geschichte aus Illmitz
22.9.2026
Eine Geschichte aus Illmitz
Jeden Morgen um 9:17 Uhr kam der Mann zum Frühstück. Jeden Morgen. Und jeden Morgen sagte er: „Entschuldigung, ich bin spät dran.“
Das Merkwürdige war: Er hatte überhaupt keinen Grund, sich zu beeilen. Er war im Urlaub. Er hatte keine Termine. Keine Kinder, die irgendwo abgeholt werden mussten. Keinen Zug. Nichts.
Trotzdem erschien er jeden Morgen um exakt 9:17 Uhr. Am dritten Tag wurde die Gastgeberin neugierig. „Darf ich fragen, wohin Sie jeden Morgen so spät kommen?“ Der Mann lächelte. „Zu meinem Frühstück.“ „Aber das Frühstück gibt es doch schon seit halb acht Uhr.“
„Das weiß ich.“ „Und warum kommen Sie dann erst um 9:17 Uhr?“ Der Mann sah zur Uhr. „Weil ich vorher etwas erledigen muss.“ „Was denn?“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Ich muss mich daran erinnern, wo ich gestern war.“ Die Gastgeberin wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Am nächsten Morgen lag auf seinem Frühstückstisch ein kleiner Umschlag.
Darauf stand: 9:17
Der Mann öffnete ihn. Sein Gesicht veränderte sich. Er stand auf. „Ich muss los.“ „Wohin?“ „Heute weiß ich es.“ Er ging hinaus. Die Gastgeberin folgte ihm mit Abstand. Der Mann ging durch den Garten, vorbei am alten Nussbaum, bis zu einem kleinen Tor.
Dort blieb er stehen. Er holte einen Schlüssel aus seiner Tasche. „Ich habe diesen Schlüssel seit 1982.“
„Was ist dahinter?“, fragte die Gastgeberin. Der Mann sah sie an. „Das weiß ich nicht.“ Er steckte den Schlüssel ins Schloss.
Drehte ihn. - Klick.
Das Tor öffnete sich.
Dahinter raschelte es fast unheimlich, als ob jemand oder etwas nur darauf wartete, mit einem herzhaften Ruck durch die Tür zu stürzen. Der Mann ließ den Türknopf nicht los, als ob er erahnte, was jetzt passiert.
NÄCHSTER BEITRAG, xx.9.2026